Stefan Grass
Leiter von 2000 bis 2022 des Komitees Olympiakritisches Graubünden
2019: Kaum jemand möchte noch Olympische Winterspiele. Das liegt auch an einem harten Gegner aus der Schweiz.
2018: Seit den Olympischen Winterspielen in Turin 2006 zeigt sich die fehlende Sinnhaftigkeit von solchen Sportgrossveranstaltungen im Alpenraum. Stefan Grass, Leiter des Komitees Olympiakritisches Graubünden, der seit 18 Jahren die Kandidaturen für Olympische Winterspiele in Graubünden für 2010, 2014, 2022 und 2026 erfolgreich bekämpfte, zieht Bilanz.
2018: Stefan Grass hat die Kandidatur für Olympische Spiele in Graubünden gebodigt. Jetzt soll er Sion 2026 verhindern.
Mauspfeil auf dem Titel zeigt Medium, Datum und Lead:
13.01.2026
Die Olympischen Winterspiele 2038 sollen in der Schweiz stattfinden. Sie ist in einer privilegierten Position, doch es gibt einige Hürden, die das Projekt zu Fall bringen könnten. (watson)
Eine Analyse von Peter Blunschi, watson.ch
Nach
einigen gescheiterten Anläufen soll es endlich klappen: Die
Wintersportnation Schweiz will 2038 erstmals seit 90 Jahren Olympische
Winterspiele durchführen. Am Montag stellte der Verein Switzerland 2038 das Projekt vor, inklusive der vorgesehenen Austragungsorte. Auch die Paralympischen Spiele sollen hierzulande stattfinden.
Die
Ausgangslage ist auf den ersten Blick verheissungsvoll. Nach dem
Scheitern der Bewerbung für 2030 (zum Zug kam Frankreich) nahm das
Internationale Olympische Komitee (IOC) in Lausanne mit der Schweiz
einen «privilegierten Dialog» auf. Damit ist sie für 2038 (die Spiele
2034 finden im US-Bundesstaat Utah statt) praktisch gesetzt.
Von einer «Jahrhundertchance» war am Montag die Rede. Erstmals wird es keine «Host City» geben. Die Wettkämpfe sollen über das ganze Land verteilt stattfinden,
unter Einbezug aller vier Sprachregionen. Nachhaltigkeit ist ein
dominierender Aspekt: Es sollen bestehende oder temporäre Sportstätten
genutzt werden.
Eine Portion Skepsis
Das
entspricht im Prinzip den Vorgaben des IOC, das teure Neubauten
möglichst vermeiden will. Alles paletti also? So einfach ist es nicht.
Eine gesunde Portion Skepsis ist angesagt, und das nicht nur wegen der
diversen erfolglosen Versuche in den letzten Jahrzehnten. Es gibt einige
Stolpersteine, die das Projekt Switzerland 2038 zu Fall bringen
könnten.
Logistik
Die
Zahl der Wettkampfstätten wurde gegenüber den ursprünglichen Plänen
noch einmal reduziert. Ski alpin soll vollständig in Crans-Montana
stattfinden (was in ausländischen Medien bereits zu unvermeidlichen Anspielungen führte) und Ski nordisch in Engelberg. Für das Skispringen gibt es dort bislang jedoch nur eine Gross- und keine Normalschanze.
Die ursprüngliche Idee, die bestehende Anlage in Kandersteg zu nutzen,
liess man fallen. Sie wäre aus diversen Gründen kaum praktikabel
gewesen. Jetzt soll in Engelberg neben der Titlis-Schanze eine zweite
Anlage gebaut werden, temporär oder fest. Entsprechende Pläne gebe es
bereits. Auch eine Kandidatur für die nordische Ski-WM ist ein Thema.
Als
weiteres Provisorium soll eine Eisschnelllauf-Bahn in den Genfer
Palexpo-Hallen gebaut werden. Für beides könnte es eine Volksabstimmung
brauchen, was vor allem bei der Sprungschanze zum Problem werden dürfte.
Sie ist praktisch «alternativlos», meint der «Blick». Sagen die Engelberger – oder der Kanton Obwalden – nein, war es das wohl.
Finanzen
Die
fehlende Defizitgarantie war ein Grund für das Scheitern der Bewerbung
2030. Nun sollen die vom IOC geforderten 200 Millionen Franken von
Privaten getragen werden, ein Novum bei Winterspielen. Der Unternehmer
und «Biathlon-Enthusiast» Michael Hartweg zeigte sich überzeugt, sie bei
Personen und Firmen auftreiben zu können.
Selbst
wenn dies gelingen sollte, ist das noch keine Garantie für die
Durchführung. In einigen Austragungsorten sind Volksabstimmungen
möglich. Bei einem Nein müsste wohl eine Alternative gefunden werden,
was wegen der langen Vorlaufzeit grundsätzlich möglich wäre. Aber gerade
bei Skispringen und Ski nordisch ist dies schwer vorstellbar.
Und
da wäre noch der Bund, der sich mit knapp 200 Millionen Franken an den
Olympischen und Paralympischen Spielen 2038 beteiligen soll. Hier drängt
die Zeit, denn das Dossier muss in etwas mehr als einem Jahr beim IOC
eingereicht werden. Das Parlament soll deshalb bis Ende Jahr
entscheiden, doch es besteht die Möglichkeit eines fakultativen
Referendums.
Es
wäre wohl das Aus für die Kandidatur. Alt-Bundesrätin und
Swiss-Olympic-Präsidentin Ruth Metzler verwies am Montag darauf, dass
ihm in den letzten 15 Jahren nur eine Finanzvorlage unterstellt wurde,
die sechs Milliarden Franken für neue Kampfjets. Und noch völlig offen
sind die Kosten für die Sicherheit, die man keinesfalls unterschätzen
darf.
Euphorie
Sie spüre «Begeisterung in der Wirtschaft und in der Gesellschaft», sagte Ruth Metzler in der SRF-«Tagesschau».
Das mag auf Funktionäre und Politiker zutreffen. Aber gilt das auch für
die breite Bevölkerung? Sie ist gerade in der Schweiz mit ihren
Volksentscheiden ein wichtiger Faktor. Und hier sind mit Blick auf
vergangene Flops Zweifel angebracht.
Das
zeigte sich vor acht Jahren, als sich Sion und das Wallis für die
Winterspiele 2026 bewerben wollten, die im Februar in Mailand und
Norditalien stattfinden werden. Ein Augenschein vor Ort ergab, dass
anders als 20 Jahre zuvor bei der Kandidatur Sion 2006 wenig Euphorie zu erkennen war. Selbst die Gegner wunderten sich, dass sie kaum Anfeindungen erlebten.
Das
olympische Feuer brannte auf Sparflamme. Bei der Volksabstimmung im
Juni 2018 sagte der Kanton mit 54 Prozent Nein, womit eine weitere
Schweizer Bewerbung erledigt war. Es war keine deutliche Abfuhr, doch
wenn sich nicht einmal der Berg- und Skikanton Wallis für Olympia-Pläne
erwärmen konnte, dürfte es anderswo noch schwieriger werden.
IOC
Ein
nicht zu unterschätzender Stolperstein ist das elitäre IOC, trotz des
«privilegierten Dialogs». Denn in der Schweiz soll es nicht nur keine
Gastgeberstadt geben. Auch die Unterbringung der Athletinnen und
Athleten soll dezentral erfolgen. Das gab es schon früher, auch in
Mailand und Cortina gibt es separate Dörfer. Dennoch wäre es ein Bruch
mit der Tradition.
Das IOC hat diesen Aspekt schon bei der Bewerbung 2030 kritisiert.
Auch die reduzierten Zuschauerkapazitäten zur Vermeidung eines
Verkehrschaos könnten zu reden geben. Die Vergabe der Spiele 2038 soll
in der zweiten Hälfte 2027 erfolgen. Damit liesse sich ein alternativer
Veranstalter finden, falls es mit der Schweiz einmal mehr nicht klappen
sollte.
Die allfällige Ausrichtung von Olympischen Spielen in der Schweiz wird von Umweltschützern sehr kritisch bewertet, obwohl die Spiele dezentral und in bestehenden Sportstätten stattfinden sollen. Solche Spiele könnten fast nicht nachhaltig ausgerichtet werden, weil sie eine Spitzenbelastung aller Infrastrukturen bedeuteten, sagt Kaspar Schuler, ehemaliger Geschäftsleiter von Cipra International zum Schutz des Alpenraums.
Solche «Lippenversprechen» seien bei den unmittelbar bevorstehenden Winterspielen im Februar in Mailand und Cortina d’Ampezzo auch gegeben und von den Ausrichtern in katastrophaler Weise nicht eingehalten worden, kritisiert der langjährige Umweltschützer.
So sei an den acht dezentralen Orten keine finanzielle Transparenz geschaffen worden. 57 Prozent der Vorhaben würden erst nach den Winterspielen fertiggestellt. Die Umweltorganisationen seien deshalb aus einem gemeinsamen Komitee ausgetreten.
Laut Schuler müssen Olympische Winterspiele immer innert kürzester Zeit bautechnisch gesehen ein riesiges Volumen umsetzen. Diesmal seien es in Norditalien sieben Milliarden Euro. Das könne in aller Regel nicht in so kurzer Zeit umweltverträglich in die Landschaft gesetzt werden. «Das ist die Bau-Realität neben der ganzen Euphorie für das tolle Sportfest, die ich sehr gut verstehe», so Schuler. Doch Realität und Absicht klafften weit auseinander: «Wieso soll das in der Schweiz anders sein?»
02.12.2023. Alles sollte anders sein. Keine Retortendörfer, kein Gigantismus, verschiedene Bundesräte statt ein einziger Potentat bei der Eröffnungsfeier. Die Schweizer Kandidatur für die Olympischen Winterspiele im Jahr 2030 hätte ein Prototyp werden sollen. Das perfekte Konzept für eine grüne Zukunft. Das Internationale Olympische Komitee (IOK) wolle jetzt nachhaltige Spiele. Dezentral, budgetsensibel, basisdemokratisch – es fehlte nur noch das Schweizerkreuz im roten olympischen Ring. (NZZ)